Flight Lieutenant Pierre Clostermann Beinahe so berühmt wie General de Gaulle
Steckbrief
ROYAL AIR FORCE (freie franz. Streitkräfte)
18 Abschüsse
Biographie
1921 als Sohn eines
angesehenen französischen Diplomaten in Brasilien geboren, fühlte
sich Pierre Clostermann schon früh zur Fliegerei hingezogen. Mit 16
Jahren bereits Inhaber des Flugscheins, wurde der junge Mann von seinem
Vater Mitte der Dreißigerjahre an eine technische Universität
in die USA geschickt.
Als der Zweite Weltkrieg
ausbrach, befand sich Clostermann noch in den Staaten, erst als Frankreich
1940 bereits geschlagen und von deutschen Truppen besetzt worden war, gelangte
der sehr patriotische Clostermann nach England und schloss sich hier den
sogenannten freien französischen Streitkräften unter General
de Gaulle an. Aufgrund seiner Vorkenntnisse als Unteroffizier in der frei-französischen
No. 341 Squadron der Royal Air Force eingesetzt, flog der erst 20jährige
Clostermann 1942 über 100 Einsätze als Jäger, Jagdbomber
und Aufklärer über dem Ärmelkanal, Frankreich, Belgien und
Holland.
Seinen ersten Luftkampferfolg
konnte der junge Spitfirepilot am 17. Juni 1943 über dem holländischen
Le Havre melden. Inzwischen bereits Flight Sergeant, zeichnete sich Clostermann
besonders in der Rolle des Jagdbombers aus, erhöhte die Zahl seiner
Luftsiege bis Jahresende 1943 aber bereits auf drei und beschädigte
zwei weitere Bf 109. An Auszeichnungen erhielt er hierfür die Distinguished
Flying Medal verliehen.
Clostermanns große
Zeit brach im Sommer 1944 an. England beherbergte zu jener Zeit die größte
Ansammlung von Soldaten, Waffen und Material, die es in der Kriegsgeschichte
je gegeben hatte. Briten, Amerikaner, Kanadier, freie Franzosen - sie alle
warteten auf den D-Day. So lautete die Codebezeichnung für den Beginn
der Invasion - vier Jahre nachdem die letzten alliierten Truppen dem Druck
der deutschen Wehrmacht nachgegeben und Frankreich verlassen hatten, sollte
der riskante Sprung zurück auf den Kontinent gewagt werden. Neben
den Briten, sie standen seitdem mit dem Rücken an der Wand, waren
natürlich Franzosen wie Clostermann besonders erpicht auf den D-Day.
Ihr Land war seit vier Jahre unter deutscher Kontrolle, die stolze Grand
Nation unterdrückt und erniedrigt. Seit vier Jahren warteten die Soldaten
der freien Streitkräfte ebenso unruhig auf den Tag des Zurückschlagens,
wie die zurückgebliebenen Zivilisten in Frankreich selbst. Am 6. Juni
1944 war es dann soweit - der alliierte Oberkommandierende General Eisenhower
gab den Befehl für die Invasion in der Normandie.
Zu jenen tausenden alliierten
Jagdfliegern, die während der Invasionsschlacht pausenlos Einsätze
über der Normandie und dem Hinterland flogen, gehörte auch Clostermann,
welcher inzwischen für Tapferkeit vor dem Feind zum Offizier befördert
worden war. Als Verbandsführer in einer mit Hawker Tempest ausgerüsteten
Staffel, spielte er seine ganze Jagdbomber-Erfahrung aus und zerstörte
binnen weniger Wochen mehrere Panzer, beinahe fünfzig Fahrzeuge, zwei
Torpedoboote, unzählige Bodenstellungen und mehrere deutsche Flugzeuge
am Boden.
Auch in Luftkämpfe
verstrickt, wurde er am 26. Juni durch den Abschuss einer Bf 109 zum Fliegerass.
Im Juli und August weiterhin im Dauereinsatz und für seine Erfolge
als Flying Officer mit dem Distinguished Flying Cross beliehen, zeigte
seine „La Grand Charles“ benannte Maschinen schon bald massenhaft Abschussbalken.
Allerdings gehen die Angaben über seine Luftsiege je nach deren Quelle
sehr auseinander.
Während die Royal
Air Force Clostermanns letztendliche Abschusszahl mit 18 anerkannten angibt,
werden Pierre Clostermann nach dem französischen Zählsystem sogar
33 Luftsiege zugeschrieben. So konnte Clostermann in einem heftigen Luftkampf
am 2. Juli 1944 zwar vier Feindmaschinen zumindest beschädigten, aber
nach RAF-Regeln keine bestätigt abschießen.
Hingegen mit Sicherheit
belegt sind seine unerreichten Erfolge als Jagdbomber - 24 Bodensiege,
72 zerstörte Loks und Eisenbahnwagen, 5 Panzer, 2 Torpedoboote, 1
U-Boot, über 200 Lastwagen und Fahrzeuge sowie hunderte Flakstellungen,
Truppenunterkünfte, Bunkeranlagen, dutzende Brücken und umfassende
Eisenbahn- und Gleisanlagen. Mit letztendlich 420 Feindflügen gehörte
der angriffslustige Franzose darüber hinaus zu den am meisten gegen
den Feind eingesetzten westalliierten Kampffliegern des Krieges.
Die letzten dieser Einsätze
waren auch gleichzeitig die erfolgreichsten, denn hier errang Clostermann,
nun schon Gruppenführer in der No. 274 Squadron, die meisten seiner
von allen Seiten anerkannten Luftsiege. Über Norddeutschland eingesetzt,
unterlagen im März zumindest drei und im darauffolgenden Monat mindestens
vier Luftkampfgegner.
Nur wenige Tage vor
Kriegsende als erst 25jähriger mit der Führung der No. 56 Squadron
betraut, führte Clostermann am 3. Mai 1945 einen Jagdbomberangriff
gegen eine Marinebasis in Schleswig-Holstein an. Obwohl seine Piloten hier
Dutzende abgestellte Maschinen der Luftwaffe vernichteten und mehrere kleine
Kriegs- und Transportschiffe versenkten, büßten die Angreifer
durch überraschend heftige Flak- und Jagdabwehr elf der vierundzwanzig
eingesetzten Maschinen ein! Clostermann selbst errang hier wahrscheinlich
vier Boden- und drei Luftsiege.
Bei Kriegsende war er
- wie gesagt aufgrund verschiedener Zählweisen umstritten - mit mindestens
18 Luftsiegen einer der erfolgreichsten Jagdflieger der freien französischen
Streitkräfte.
Unumstritten jedoch
war der Jagdbomberexperte der höchstbeliehene Soldat General de Gaulles
- neben dem Distinguished Service Order, zwei Distinguished Flying Cross,
der Distinguished Flying Medal sowie dem amerikanischen Distinguished Service
Cross trug Pierre Clostermann noch die höchsten Auszeichnungen seines
Landes - den Legion d´ Honneur, das Croix des Liberation sowie das
Croix de Guerre.
Am 12. Mai 1945, nach
Kriegsende, hätte Clostermann nach so vielen überstandenen Kampfeinsätzen
fast seinen letzten Flug absolviert, als bei einer Flugshow zur Feier des
Sieges über Bremerhaven seine Maschine während eines Loopings
mit einer anderen der Staffel zusammenstieß, das Fliegerass sich
jedoch fast unverletzt mit dem Fallschirm retten konnte.
1946 aus der Luftwaffe
ausgeschieden und eine der berühmtesten Persönlichkeiten Frankreichs,
kehrte Clostermann während des Algerienkrieges 1956 als Colonel kurzfristig
in den aktiven Dienst zurück. Später ins Parlament gewählt
und hier ein starker Befürworter der EU, wurde Clostermann in Folge
Vizepräsident der bekannten französischen Flugzeug-Konzerne Cessna
und Dassault. Alle Ehre machte sich Clostermann durch enge Freundschaften
mit prominenten ehemaligen Kriegsgegnern.
Das seine Kriegserlebnisse
beschreibende Buch „La Grand Cirque“ wurde in 30 Sprachen übersetzt
und erreichte eine Auflage von unglaublichen 20 Millionen Exemplaren. Viele
seiner Angaben, besonders zu Erfolgen in Luftkämpfen, werden jedoch
von Experten als übertrieben bezeichnet, was im Laufe der Zeit sehr
zur Verwirrung um die tatsächliche Anzahl seiner Luftsiege beigetragen
hat.
Quelle: „Yak, Mustang und Spitfire“
von Florian Berger, fliegerasse.at