Nachdem er 1935 als Fahnenjunker in die Wehrmacht
eingetreten war, wurde Heinz-Georg Lemm nach seiner Offiziersausbildung
an der Kriegsschule München im Infanterieregiment 27 der 12. Infanteriedivision
eingesetzt, die in seiner Heimatstadt Schwerin stationiert war.
Während des Polenfeldzuges führte
Leutnant Lemm, Sohn eines hohen ehemaligen Zivilangestellten der Reichswehr,
einen Zug der Regiments-Reiterabteilung und kämpfte im Verband des
"Armeekorps Wodrig" (3. Armee) im ostpreußischen Grenzraum, am Nordlauf
der Narew und östlich des Warschaukessels. Hierbei erlebte der junge
Offizier bereits eine der heikelsten Situationen seines gesamten Fronteinsatzes,
als er als Führer eines 7-Mann-Stoßtrupps unverhofft auf ein
ganzes polnisches Kavalleriebataillon traf und seine Männer im Kugelhagel
gerade noch zurückziehen konnte. Später fand er in seiner Feldflasche
ein großes Einschussloch. Den Krieg gegen Polen beendete Lemm mit
dem EK.II.
Im Mai und Juni 1940 kämpfte die Division
unter dem Oberbefehl der 4. Armee (II. Armeekorps) in Luxemburg, an der
Somme, bei Maubeuge, Nantes und um Vendee.
Aufgrund einer Bajonettverwundung in ein
Lazarett gebracht, verschwand Leutnant Lemm - nun bereits Bataillonsadjutant
- aus diesem bereits nach wenigen Tagen ohne Erlaubnis und meldete
sich wieder bei seinem Regiment! Hier erhielt er für Tapferkeit vor
dem Feind später das Eiserne Kreuz 1. Klasse sowie das Infanteriesturmabzeichen.
Die erste Phase des Russlandfeldzuges erlebte
Oberleutnant Heinz-Georg Lemm als Kommandeur der 2. Kompanie im Infanterieregiment
27 und konnte sich bereits im September 1941 erneut bewähren. Vom
Rest des Regiments abgeschnitten, hielten Lemms Soldaten ihre Stellungen
zwei Tage lang, ehe zusammen mit 50 Gefangenen der Ausbruch gelang.
Nach schweren Vormarschgefechten
mit dem II. Armeekorps im Nordabschnitt der Ostfront (Kowno, Oswaja, Naswa)
geriet die vom bekannten Generalmajor von Seydlitz-Kurzbach (54. Eichenlaub)
geführte Division zusammen mit dem gesamten Korps im Winter 1942 zwischen
Ilmen- und Seligersee in eine sowjetische Gegenoffensive. Nachdem umfassende
Panzerverbände des Gegners an beiden Flanken durchgebrochen waren,
entstand am 8. Februar der berühmte Kessel von Demjansk. Im Kessel
befanden sich fünf Divisionen des Heeres (12., 30., 32., 223. und
290.) und die SS-Elite-Division "Totenkopf" - insgesamt 96.000 Mann. Es
war das erste Mal, dass mehrere deutsche Divisionen im Verlauf des Zweiten
Weltkrieges eingekesselt worden waren. Der Schreck im Oberkommando der
Wehrmacht saß dementsprechend tief.
Nachdem erste Versuche,
den Kessel von außen zu entlasten, am verbissenen russischen Widerstand
gescheitert waren, begannen monatelange, schwerste Abwehrgefechte. Im Gegensatz
zum Stalingrad-Kessel 10 Monate später gelang es hier der Luftwaffe
jedoch, eine umfassende und funktionierende Luftversorgung für die
Eingeschlossenen aufzubauen.
Währenddessen krallten
sich die eingekesselten Divisionen an ihre Stellungen und leisteten, bei
Temperaturen von bis zu minus 40 Grad, den denkbar zähesten Widerstand.
Die verzweifelten Sowjets setzten eines Nachts sogar zwei Fallschirmjäger-Regimenter
über dem Kessel ab, um ihn von innen zu sprengen - ein reines Selbstmordkommando,
das blutig scheiterte.
Am 28. April 1942, dem
81. Tag der Einschließung, gelang es einer starken Entsatztruppe
den Umklammerungsring von außen her zu sprengen, eine Gasse freizukämpfen
und den abgekämpften Verteidigern den Rückzug zu ermöglichen.
Unter diesen Glücklichen befand sich auch Oberleutnant Lemm, dessen
Regiment sich sehr bewährt hatte. Wie alle Überlebenden der Kesselschlacht
erhielt auch Hauptmann (01.04.42) Lemm den speziell gestifteten Demjanskschild
verliehen. In den nächsten Monaten wurden die freigekämpften
Divisionen im Hinterland neu formiert und erhielten eine verdiente Ruhepause.
Über den großen
Durchhaltewillen der Landser in den schweren Wintermonaten des Jahres 1941
schrieb nach dem Krieg der englische Militärhistoriker und ehemalige
Generalmajor J.F.C. Fuller: "...was der deutsche Soldat, gänzlich
unvorbereitet auf den Winterkrieg, hier geleistet hat, stellt eine der
größten Heldentaten dar, von der die Kriegsgeschichte berichtet!"
Nachdem die 12. ID in den Nordabschnitt der Ostfront zurückgekehrt
war, kämpfte Lemm mit seiner bewährten Kompanie in den Frontabschnitten
Newel und Witebesk. Im Jänner 1943 wurde Hauptmann Lemm für seine
Verdienste in den vergangenen schweren Gefechten zum Kommandeur des I.
Bataillons ernannt. Nach weiterer Bewährung in den Infanterie- und
Grabenkämpfen erhielt er am 14.04.43 für Tapferkeit vor dem Feind
bei Staraja-Russa das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz verliehen. Hier hatten
seine Grenadiere innerhalb von 3 Tagen mehrere Panzerangriffe des Gegners
abgeschlagen und hierbei 46 der gepanzerten Kolosse vernichtet. Es folgten
langwierige und verlustreiche Stellungsschlachten.
Im Oktober 1943 musste
Lemm stellvertretend die Führung des Füsilierregiment 27 übernehmen
- als später ein dienstälterer Offizier dieses Kommando übernahm,
bot man dem Ritterkreuzträger die Regimentsführung in einer neuen
Luftwaffen-Felddivision an. Da Lemm jedoch in seiner alten Division bleiben
wollte, kehrte er nach kurzem Überlegen lieber wieder an die Spitze
seines I. Bataillons zurück.
Als im Winter 1943 mit Oberstleutnant Gerhard Engel ein späterer
Eichenlaubträger die Regimentsführung übernahm, machte sich
Lemm zusammen mit seinem neuen Chef zwecks Lageeinweisung auf einem von
Pferden gezogenen Schneeschlitten auf den Weg zu einer vorgezogenen Kompanie,
als die beiden Deutschen plötzlich auf einen Trupp russischer Infanteristen
stießen. Im Kugelhagel zurückgekehrt, hielt Engel seinem Bataillonskommandeur
den Zwischenfall schmunzelnd noch monatelang vor.
Es folgten harte Entsatzgefechte
für den Tscherkassy-Kessel sowie Abwehrversuche vor Mogilew und dem
Pronja-Brückenkopf.
Am 11. Juli wurde der als
bisher jüngster Heeresoffizier zum Major (01.04.43) beförderte
Lemm als 525. Soldat der Wehrmacht mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet
und nun endgültig zum Kommandeur der 27er ernannt. Am 21. des Monats
- nur wenige Stunden nach dem fehlgeschlagenen Bombenanschlag durch Oberst
von Stauffenberg - erhielt Lemm die hohe Auszeichnung durch Hitler persönlich
überreicht. Da sich der junge Frontoffizier nur wenige Stunden vor
dem Attentat zufällig mit Oberst von Stauffenberg unterhalten hatte,
geriet er kurzfristig ins gefürchtete Visier der Gestapo. Doch schon
nach kurzen Recherchen wurde klar, dass Lemm nicht beteiligt gewesen war.
Gerade als Major Lemm wieder
in Russland eintraf, brach die wuchtige russische Sommeroffensive gegen
die Heeresgruppe Mitte los. Bereits nach kurzen Gefechten zum Rückzug
gezwungen, übernahm Lemm während den unübersichtlichen Absetzbewegungen
die Führung der Nachhut. Während Dutzende Divisionen der Heeresgruppe
aufgerieben und Teile der 9. Armee (Jordan) bei Bobruisk eingekesselt wurden,
erhielt die 12. Infanteriedivision Befehl, die Stadt Mogilew um jeden Preis
zu halten. Doch dies war angesichts zweier angreifender sowjetischer Armeen
völlige Utopie.Als starke sowjetische Kräfte auch südlich
der 12. ID durchbrachen und riesige Panzerkolonnen Richtung Minsk rollten,
setzte sich die bereits stark dezimierte Division gerade noch rechtzeitig
nach Nordwesten ab. Vorbei am Kessel von Bobruisk und dem brennenden
Minsk, erreichten die Reste der Division schließlich die deutschen
Linien an der ostpreußischen Grenze.Da Hitler persönlich jedoch
die Räumung von Mogilew verboten hatte, wurde ein Überprüfungsverfahren
gegen sämtliche höhere Offiziere der 12. ID eingeleitet – also
auch gegen Lemm. Dieses wurde jedoch auf Initiative des zuständigen
Korpskommandeurs bald abgebrochen. Die Grenadiere hatten in Folge noch
monatelange Stellungs- und Abwehrschlachten zu überstehen, ehe die
schwer zerrüttete 12. ID im Herbst aus der Front genommen und ins
Hinterland verlegt wurde. Nun konnte der hart gesottene Major endlich eine
erlittene Schulterprellung sowie diverse Beschwerden durch alte Verwundungen
auskurieren. Die Division wurde schließlich als Volksgrenadierdivision
neu aufgestellt und an die Westfront verlegt. Hierbei machte sich Major
Lemm alle Ehre, als er eigenmächtig eine in seinen Abschnitt verlegte
Heeres-Bewährungseinheit einfach in sein Regiment eingliederte und
durch die Vernichtung der belastenden Personalakten der Männer vielen
ein Überleben ermöglichte.
Unter dem Oberbefehl der
6. SS-Panzerarmee (Dietrich) trat die 12. VGD im I. SS-Panzerkorps (Prieß)
zur letzten deutschen Offensive im Westen an. Zusammen mit der SS-"Leibstandarte",
der SS-"Hitlerjugend" und der 3. Fallschirmjägerdivision kämpfte
die Division - mit Lemms bewährtem Regiment an der Spitze, im Nordabschnitt
der Ardennen. Durch starken Widerstand der US-Truppen, fehlenden Nachschub
und schlechtes Wetter konnte das Ziel des Korps, das Erreichen der Maas
zwischen Lüttich und Namur, jedoch nicht einmal annähernd erreicht
werden.
Nach den Rückzugskämpfen
zum Westwall wurde die 12. Volksgrenadierdivision unter dem Oberbefehl
der 7. Armee am Rhein, in Aachen und der Eifel eingesetzt. Der Kommandeur
von Lemms I. Bataillon, Hauptmann Claus Breger, erhielt für seine
Verdienste um Aachen das 700. Eichenlaub (postum) verliehen. Der Kommandeur
der erfolgreichen 12. VGD, Generalmajor Gerhard Engel, erhielt diese hohe
Auszeichnung im Dezember 1944. Mit insgesamt 24 Ritterkreuz- und 8 Eichenlaubträgern
war die 12te übrigens eine der höchstdekorierten Infanterieeinheiten
des Krieges.
Nachdem amerikanische Truppen
bei Remagen durchgebrochen waren, wurde die gesamte Heeresgruppe B mit
mehreren Divisionen endgültig im Dreieck Dortmund-Düssendorf-Köln
überflügelt und eingekesselt. Obwohl die deutschen Verbände
tapfer Widerstand leisteten, war ein Ausbruch oder Hilfe von außen
nicht möglich. Wiederholt führte Oberstleutnant (01.11.44) Lemm
seine Kampfgruppen noch zu örtlichen Abwehrerfolgen.
Für seine außerordentlichen
Verdienste in der Regimentsführung erhielt Oberstleutnant Heinz-Georg
Lemm auf Antrag von GFM Walter Model am 15. März 1945 die Schwerter
zum Ritterkreuz mit Eichenlaub verliehen. Wenig später wurde der über
enorme Führungsqualitäten verfügende Offizier mit erst 25
Jahren zum jüngsten Oberst des gesamten deutschen Heeres befördert.
Als ihm seine Offiziere
zur hohen Auszeichnung gratulierten, entgegnete Lemm trocken: „1000 Schuss
für unsere Artillerie oder fünf Sturmgeschütze wären
mir lieber gewesen!“
Im April 1945 geriet der
junge Oberst bei einem persönlichen Spähtruppunternehmen in US-Gefangenschaft,
seine Division kapitulierte nur Stunden darauf. Nachdem dieser außergewöhnliche
Frontoffizier zehn Monate lang in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewesen
war, wurde er freigelassen jedoch kurz darauf von russischen Soldaten aufgegriffen
und erneut in Haft genommen. Erst 1950 kehrte Lemm endgültig in seine
Heimat zurück.
1957 wieder in die Bundeswehr
eintreten, stieg Heinz-Georg Lemm 1963 zum Brigadegeneral auf und kommandierte
bis 1965 die Panzergrenadierbrigade 7 der 3. Panzerdivision in Hamburg.
Ab 1970 bereits Generalmajor, befehligte er in Folge die 5. Panzerdivision
in Diez, ehe er 1974 als Generalleutnant Chef des Truppenamtes der Bundeswehr
wurde. Ausgezeichnet mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern
sowie dem amerikanischen Legion of Merit trat Lemm 1979 in den Ruhestand
und wurde als Nachfolger des ehemaligen Schwerterträgers Horst Niemack
Ehrenpräsident der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger e.V.
Dem Ring deutscher Soldatenverbände
stand er bis 1985 als Präsident, bis 1988 als Ehrenpräsident
vor. 1992 heiratete Lemm im stolzen Alter von 73 Jahren erneut und verstarb
zwei Jahre darauf.