| Als treffsicherster Vorhalteschütze und
vielleicht bester Jagdflieger der Luftwaffe ging der junge Berliner Hans-Joachim
Marseille in die Geschichte ein. "Stern von Afrika" genannt, wurde er zum
Schreckgespenst der britischen Luftwaffe in Nordafrika.
Als Sohn eines Jagdfliegerveteranen und späteren Generalmajors
der Luftwaffe in Berlin geboren, begeisterte sich Marseille bereits in
seiner Jugend für Flugzeuge. So wunderte es niemanden, dass er im
Jahre 1938 freiwillig in die Luftwaffe eintrat. Obwohl der junge Mann bereits
während seiner Ausbildung in Wien-Schwechat erstaunliche fliegerische
Fähigkeiten bewies, war er nicht zum Soldaten geboren. Wenig an Disziplin
und Respekt gegenüber Vorgesetzten interessiert, wurde er wiederholt
wegen verbotenen Kunstflugs und diverser Verstöße verwarnt.
So als sich Marseille mit einigen Piloten einmal auf einem Übungsflug
nahe Braunschweig befand und plötzlich einen unangenehmen Drang verspürte.
Da landete der freche Fähnrich einfach auf einer nahen Schnellstraße,
erleichterte sich hinter einem Baum und flog dann weiter.
Die andere Seite seiner Ausbildungszeit waren phänomenale Showeinlagen
- so kappte Marseille einmal im Tiefstflug ein an einem nur ein Meter hohen
Stock befestigtes Taschentuch mit der Tragfläche seiner Messerschmitt.
Im August 1940 wurde Oberfähnrich Marseille nach einer gründlichen
Friedensausbildung ins Lehrgeschwader 2 an die Kanalfront versetzt, wo
er seine ersten Feindeinsätze flog. Im Oktober wechselte er in die
4. Staffel des Jagdgeschwaders 52, die zu dieser Zeit unter dem späteren
Schwerterträger Steinhoff am Ärmelkanal lag. Während der
Luftschlacht um England flog Marseille als Katschmarek und meldete am 24.08.1940
seinen ersten Luftsieg. Als er Frankreich verließ, war er für
7 Abschüsse bereits mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes dekoriert
worden.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der hitzige Flieger aber auch bereits einen
strengen Verweis und insgesamt acht Tage Arrest erhalten.
Anfang Februar 1941 wurde Marseille in die 3. Staffel des Jagdgeschwaders
27 versetzt und mit ihr nach Nordafrika verlegt. Bereits während seines
ersten Feindfluges über Libyen konnte der voller Selbstvertrauen strotzende
Flieger eine britische Hawker Hurricane abschießen. In den folgenden
Wochen erzielte Marseille wiederholt Luftsiege, wobei er sich jedoch den
Unmut seines Staffelführers Oberleutnant Homuth zuzog. Grund dafür
war neben unmilitärischem Verhalten auch seine ungestüme Angriffsart.
Sobald Marseille einen Gegner entdeckte - und aufgrund seiner guten Augen
war er stets der erste - verließ er den Verbandsflug und schoss ihn,
meist beim ersten Angriff, ab. Obwohl dies keinesfalls den Teamwork-Regeln
einer guten Staffel entsprach, erkannte Marseilles Gruppenkommandeur Hauptmann
Neumann das unglaubliche Talent des hitzigen Piloten. Im Mai 1941 wurde
Marseille zum Leutnant befördert, nachdem er 13 Luftsiege errungen
hatte.
Kurz darauf nach schweren Triebwerkstreffern zur Notlandung im Niemandsland
gezwungen, erreichte der junge Flieger nach einem längeren Fußmarsch
unbeschadet wieder die Stellungen der eigenen Infanterie.
In den nächsten Monaten wirkte Marseille immer besser mit seinen
Staffelkameraden zusammen. Obwohl noch immer brennend ehrgeizig, stand
er den militärischen Grundregeln nicht mehr so feindlich gegenüber.
In den unzähligen Geleitschutz- und Jagdeinsätzen dieser Zeit
entwickelte der nun zum Rottenführer ernannte Marseille eine unglaubliche
Trefferpräzision, die ihm immer wieder wahre Wunderabschüsse
ermöglichte. Sein Rottenflieger und Freund Rainer Pöttgen berichtete,
dass er Treffer aus unglaublichen Entfernungen und Winkeln zustande brachte.
Außerdem war es außerordentlich schwer, seinen tollkühnen
Flugmanövern zu folgen.
Im Februar 1942 war Marseille bei 50 Luftsiegen angelangt, wofür
er als erfolgreichster Pilot des Geschwaders das Ritterkreuz erhielt und
zum Oberleutnant befördert wurde.
Als Homuth im Mai die Gruppe übernahm, trat Marseille dessen Nachfolge
als Kapitän der 3. Staffel an. Aufgrund seiner großartigen Erfolge
war er nicht nur bei höchsten Stellen des Afrikakorps, sondern bereits
auch in Deutschland bekannt und äußerst beliebt. Ähnlich
wie in unserer Zeit ein Filmstar, erhielt er täglich Briefe von weiblichen
Fans, sein Bild wurde fast jeden Tag in einer Zeitung abgedruckt. Unter
den großen Persönlichkeiten, die Marseilles Staffel besuchten,
befanden sich u.a. GFM Kesselring, Erwin Rommel und Jagdfliegergeneral
Adolf Galland.
Von März bis August 1942 war Marseille in Hochform. In täglich
bis zu vier Einsätzen über der libyschen Wüste erzielte
er praktisch in jedem Luftkampf zwischen zwei und fünf Luftsiege.
Doch diese Erfolge waren innerhalb der Staffel ebenso "normal" wie sein
unglaublich niedriger Munitionsverbrauch - meistens verbrauchte der Oberleutnant
pro Abschuss nur 15 bis 20 Schuss seiner Kanonen. Marseille konnte seine
Bf 109 F so perfekt handhaben, dass er es sich angeblich sogar erlauben
konnte, die genaue Stelle der Treffer zu bestimmen. Meistens lagen die
Einschüsse im Motorblock oder in der Pilotenkanzel des Gegners.
Zwischen Marseille und seinem Bodenpersonal herrschte eine absolut
lockere und kameradschaftliche Stimmung. Als der erfolgreiche Jagdflieger
seinen Mechanikern als Gegenleistung für die stets perfekt gewartete
Bf 109 für jeden Abschuss spaßeshalber 50 Lire anbot, entgegneten
diese: "Na, lieber nicht - dabei werden Herr Oberleutnant ja ein armer
Mann."
Dieser Mann, der täglich ihre besten Piloten bezwang, wurde dem
englischen Oberkommando in Afrika allmählich zum Begriff. In einem
abgefangenen Funkspruch wurde den britischen Staffelkapitänen sogar
befohlen, den jungen Deutschen entweder nur in Gruppen oder gar nicht anzugreifen.
Unter jenen Elitepiloten, die gezielt auf Marseille angesetzt wurden, befand
sich auch das Fliegerass Clive "Killer" Caldwell, ein australischer Kittyhawk-Pilot,
der bereits über ein Dutzend Deutsche abgeschossen hatte. Unter diesen
hatte sich auch der erste Eichenlaubträger des JG 27 befunden, Hauptmann
Erbo von Kageneck (67 Siege). Später sollte ihm auch Marseilles Freund
und erfolgreicher Staffelkamerad Oberleutnant Hans-Arnold Stahlschmidt
(59) und der Spanienveteran Wolfgang Lippert (29) zum Opfer fallen. Doch
Caldwell traf nie auf Marseille, wurde später vom Schwerterträger
Oberleutnant Schröer bezwungen, konnte jedoch in den Kampfeinsatz
zurückkehren.
Im Juni 1942 schoss Oberleutnant Marseille einmal sechs Gegner innerhalb
von nur elf Minuten ab(!), im selben Monat wurde ihm als zweiten Piloten
des JG 27 nach 75 Luftsiegen das 97. Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen.
In den Tagen nach der Verleihung flog Marseille mehrere Abfangeinsätze
gegen britische und südafrikanische Staffeln, wobei er wiederholt
bis zu sechs Gegner in kürzester Zeit abschießen konnte. Und
so meldete das JG 27 am 17.06.42 bereits seinen 100. Luftsieg - Marseille
war der erste, der diese magische Marke gegen westalliierte Piloten erreichte.
Die Verleihung der nun fälligen Schwerter fand in Berlin statt
- und zwar lediglich 116 Tage nach dem Ritterkreuz. Der junge Oberleutnant
war der erst 12. Träger dieser hohen Auszeichnung und davon der bereits
10. Jagdpilot der Luftwaffe.
Marseille war endgültig zum deutschen Nationalhelden geworden,
wobei seine Berühmtheit schon fast legendäre Ausmaße annahm.
Auf dem Rückweg von Berlin nach Nordafrika meldete er sich bei Benito
Mussolini, der ihm für die erfolgreiche Unterstützung der italienischen
Luftwaffe die seltene Tapferkeitsmedaille in Gold verlieh - sogar der Wüstenfuchs
Erwin Rommel musste sich mit der Silberfassung dieses Ordens begnügen.
Nach der Rückkehr zu seiner Staffel musste Marseille feststellen,
dass die Luftwaffe in Afrika endgültig in die Defensive gedrängt
worden war.
Zahlenmäßig sechsfach unterlegen, hatten die eigenen Geschwader
in dieser Zeit schwere Verluste zu verkraften. Trotz der taktischen Unterlegenheit
konnte Marseille bereits am ersten Einsatztag 10(!) Gegner abschießen
- doch diese großartige Leistung war immer noch nicht der Gipfel
seines Könnens.
Am 1. September 1942 gelang ihm in drei getrennten Einsätzen der
bestätigte Abschuss von 17(!!) britischen Jagdmaschinen und damit
ein Gesamtergebnis von 121 Siegen. Obgleich diese Leistung durch Hauptmann
Emil Lang (EL, 173 Siege) an der Ostfront übertroffen wurde (18 an
einem Tag), ist Marseilles Leistung aufgrund der besser ausgebildeten Gegner
weit höher einzustufen.
Als die Staffel nach dieser fulminanten Leistung auf dem Feldflugplatz
landete, waren alle von dem Gesehenen wie elektrisiert. Ludwig Franzisket,
ein befreundeter Staffelkapitän und selbst Ritterkreuzträger,
zeigte sich von Marseilles Angriffen überwältigt und sagte zu
seinem Gruppenkommandeur: "Ich vergaß vor Staunen zu schießen,
als ich Marseille im feindlichen Pulk beobachtete!"
Am 02.09.42 unterlagen Marseille fünf weitere Gegner.
Für das Erreichen von insgesamt 126 Luftsiegen erhielt Marseille
nun als vierter Offizier der Wehrmacht die Brillanten zum Ritterkreuz mit
Eichenlaub und Schwertern verliehen. Zwischen seiner Ankunft in Afrika
und der Verleihung der höchsten Tapferkeitsmedaille waren nur 19 Monate
vergangen.
Doch noch war der September nicht vorbei - so konnte Oberleutnant Marseille
am 3. sechs, am 5. und 6. je vier und am 15. sieben Luftsiege erzielen!
Am 24.09.42 wurde er im Alter von erst 22 Jahren zum bisher jüngsten
Hauptmann der Luftwaffe befördert, kurz zuvor zum bereits fünften
Mal im Wehrmachtsbericht genannt.
Am 26.09.42 bezwang der Staffelkapitän mit 7 britischen Spitfire-Jägern
seinen 152. bis 158. Kontrahenten. Der Luftkampf mit seinem letzten Gegner
hatte sich ungewöhnlich lange, nämlich 15 unendliche Minuten,
hingezogen.
Nach Berichten seiner Kameraden und Freunde begann zu dieser Zeit der
Dauereinsatz in Marseilles Wesen Wirkung zu zeigen. Er war oft übermüdet
und abgekämpft - es wäre Zeit für eine Frontpause gewesen.
Als ihm GFM Rommel persönlich eine solche Ende September anbot, lehnte
Marseille jedoch ab - er wollte seine Staffel nicht alleine lassen.
Während der Schlacht um El Alamein flog das JG 27 rollende Jagd-
und Abfangeinsätze über Ägypten. Am 30. September führte
Marseille seine komplette Staffel, um "Tommys" zu suchen. Der hochdekorierte
Hauptmann flog in diesem Einsatz erstmals die neue G-Version der Messerschmitt
Bf 109. Während des Rückfluges von dem kampflosen Einsatz meldete
ein Pilot plötzlich eine dünne Rauchfahne aus Marseilles Maschine.
Nach kurzer Zeit fing der Motor an zu bocken, die Messerschmitt verlor
an Höhe. Von seiner Staffel über Funk geleitet, manövrierte
Marseille seine immer stärker qualmende Maschine bis über eigenes
Gebiet.
"Habe Motorschaden, ich steige aus!" rief er über Bordfunk und drehte
die Maschine auf den Rücken. Seine Kameraden konnten beobachten, wie
er das Kabinendach aufschob und sich aus der Maschine fallen ließ.
Doch die Freude über den guten Ausgang der Aktion währte nur
eine Sekunde: Marseille prallte gegen das Leitwerk und wurde bewusstlos
geschlagen. So hatte er keine Chance mehr, die Reißleine seines Fallschirms
zu ziehen.
Die von Hans-Joachim Marseille erzielten 158 bestätigen Luftsiege
über britische Piloten wurden bis Kriegsende auch nicht annähernd
wieder erreicht (Schwerterträger Bär 124). Der junge, sympathische
Jagdflieger starb nach 388 Feindflügen.
Die deutsche Bundesluftwaffe ehrte den herausragenden Flieger und Scharfschützen
mit der "Marseille-Kaserne" in Uetersen nahe Hamburg.
Eine nur ganz seltene – da umstrittene Geschichte – soll sich unmittelbar
nach Marseilles Schwerterverleihung abgespielt haben. Diese besagt, dass
der junge Oberleutnant während seines kurzen Aufenthaltes in Deutschland
mit der Tatsache der sgn. Endlösung gegen Juden konfrontiert wurde.
Davon erschüttert, hätte sich Marseille nicht auf den Rückweg
nach Afrika gemacht, sondern sich fünf Wochen lang in Italien versteckt.
Erst als die Gestapo ihn aufstöberte und unter Druck setzte, hätte
das Fliegerass sich wieder bereit erklärt, zu seinem Geschwader zurückzukehren.
Obwohl diese Geschichte sehr wage erscheint und wie gesagt nicht belegt
ist, wurde sie Ende der Fünfzigerjahre in einem Film über Marseilles
Leben eingebaut und seitdem nicht ausdrücklich widerlegt. Es wäre
allerdings auch möglich, dass es sich – ähnlich wie beim sgn.
“Mölders-Brief” - um eine propagandistische Falschmeldung des britischen
Geheimdienstes handelte. |