Priller diente erst als Fahnenjunker im Infanterieregiment
19, ehe er 1936 in die Luftwaffe wechselte. Hier wurde "Pips", wie er bald
von seinen Kameraden und Freunden genannt wurde, zum Jagdflieger ausgebildet
und 1937 zum Leutnant befördert. Wenige Wochen vor Beginn des Zweiten
Weltkrieges wurde er in das vom Pour-le-Mérite-Oberst Theo Osterkamp
(32 Siege im 1. Weltkrieg) geführte Jagdgeschwader 51 versetzt.
Seinen Wechsel zur Luftwaffe hatte er übrigens zusammen mit seinem
besten Freund im IR 19, Robert-Georg von Malapert-Neufville, gewagt. Dieser
flog später erfolgreich als Stukapilot und erhielt nach seinem Tod
im Mai 1942 postum das Eichenlaub verliehen.
Während des Frankreichfeldzuges als Kapitän der 6. Staffel
bereits sechsmal gegen britische und französische Maschinen erfolgreich,
flog der mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse beliehene Priller in der brenzligen
Phase der Luftschlacht um England unter Major Mölders. Durch sein
fliegerisches Feingefühl und seine beeindruckende Treffsicherheit
erreichte er bereits im Oktober 1940 seinen 20. Luftsieg, wofür er
das Ritterkreuz entgegennehmen konnte. Wenige Wochen später wurde
Oberleutnant Priller Kapitän der 1. Staffel des Jagdgeschwaders 26
"Schlageter", das vom bekannten Adolf Galland kommandiert wurde.
In den kommenden Monaten flog Priller über dem Ärmelkanal
und dem Süden Englands Jagd- und Geleitschutzeinsätze, wobei
er wiederholt mit beschädigter Maschine vom Einsatz zurückkehren
konnte. Im Sommer 1941 konnte sein 1. Wart den bereits 39. Abschussbalken
am Leitwerk seiner Messerschmitt Bf 109 anbringen - damit gehörte
Josef Priller in der Bekämpfung der Royal Air Force zur Spitzengruppe.
Während der Luftschlacht um England kam es zu einer Begebenheit,
die ohne Übertreibung als eine der kuriosesten der deutschen Luftkriegsgeschichte
bezeichnet werden kann. Am 24. August eskortierte "Pips" Priller zusammen
mit einem weiteren Bf 109-Piloten eine zur Seerettung eingesetzte Heinkel
He 59 nahe der französischen Kanalküste, als sein Rottenflieger
irrtümlich durch einen eigenen, übereifrigen Jagdflieger für
einen Briten gehalten, angegriffen und schwer zusammengeschossen wurde.
Der die qualmende Maschine steuernde Feldwebel Delfs war ernsthaft verwundet,
konnte seine Bf 109 jedoch wieder unter Kontrolle bringen und steuerte
das französische Hinterland an. Von Priller eskortiert, gelang Delfs
schließlich der Absprung mit dem Fallschirm - doch wie es das Unglück
wollte, landete der nun schon bewusstlose Flieger genau auf den Schienen
einer Eisenbahnlinie. Und just in dieser Minute näherte sich ein Zug.
Prillers Handeln war einzigartig - er drückte seine Bf 109 auf nur
wenige Meter über den Boden und donnerte dem sich nähernden Zug
entgegen. Als dieser seine Fahrt aber nicht verlangsamte und Delfs noch
immer regungslos auf den Gleisen lag, wiederholte "Pips" seinen Anflug
und eröffnete aus allen Rohren das Feuer in Richtung der Lokomotive.
Diesmal mit Erfolg. Wenige Meter vor seinem verwundeten Kameraden stoppte
der Zug schließlich, Feldwebel Delfs wurde in ein Lazarett gebracht
und überlebte. Eine wirklich verrückte, aber wahre Geschichte.
Nach zwei weiteren Luftsiegen erhielt der Staffelkapitän das 28.
Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen. Nach Adolf Galland und Joachim Müncheberg
war er der bereits dritte Eichenlaubträger des Geschwaders.
Der erstklassige Flieger und Hauptmann (06.12.41) übernahm im
Winter 1941 die ausgezeichnete III. Gruppe des "Schlageter"-Geschwaders.
Die folgenden Monate brachten schwere Einsätze gegen das immer stärker
werdende RAF-Bombercommand und dessen Jagdschutz, später galt es zusätzlich
gegen die US Army Air Force anzutreten. Im März 1942 stand sein Konto
bei 60 Siegen, bis Jahresende war der Gruppenkommandeur bereits 85mal über
westalliierte Piloten siegreich geblieben. Im Mai und Juni wurde Priller
zweimal im Wehrmachtsbericht genannt.
Als Prillers Gruppe im Sommer 1942 mit den neuen Focke Wulf Fw 190
ausgerüstet wurde, stiegen die Abschussquoten noch mal rapide an.
So konnten die Piloten während eines Abfangeinsatzes am 1. Juli ohne
eigene Verluste über 20 britische Bomber abschießen. Seine eigene
Fw 190 hatte Priller mit dem Schriftzug „Jutta“, dem Namen seiner Frau,
verzieren lassen.
Das Jagdgeschwader 26 bildete 1942/44 die erste Linie der deutschen
Luftraumverteidigung in Frankreich und den Niederlanden. Neben Gefechten
mit Bomberverbänden standen auch Einsätze gegen feindliche Jagdbomberverbände
auf der Tagesordnung. Aufgrund ihrer großen Erfolge, der auffälligen
gelben Propeller-Farbmarkierung und ihres Heimatstützpunktes nannten
die alliierten Piloten das "Schlageter"-Geschwader respektvoll "Yellow
Nosed Abbeville-Boys". Einer dieser Piloten hatte einmal, nachdem er abgeschossen
und gefangen genommen worden war, Priller seine lederne US-Fliegerjacke
geschenkt, die "Pips" in Folge bei jedem Einsatz trug.
Unter den Piloten, die gegen das Jagdgeschwader 26 antraten, befanden
sich so erfolgreiche US-Fliegerasse wie Francis Gabreski (28 Siege, in
Korea 6 weitere), "Ratsy" Preddy (25), John C. Meyer (23) oder David S.
Shilling (22). Zu direkten Luftkämpfen mit Priller kam es jedoch wahrscheinlich
nicht.
Als der bisherige Kommodore, Ritterkreuzträger Gerhard Schöpfel,
Jagdfliegerführer Süditalien wurde, übernahm Major (01.01.43)
Priller im Januar 1943 das Geschwader. Aufgrund seiner nun hohen Position
flog er nur noch selten selbst gegen den Feind - bis Oktober konnte der
Bayer deshalb nur noch 5 weitere Siege erringen und wurde im Rennen um
die ersten 100 Westsiege am Kanal durch seinen Freund Egon Mayer vom JG
2 geschlagen.
1944 vergrößerte die RAF zusammen mit der USAAF den Druck
auf die Luftwaffe, um die Invasion in Frankreich vorzubereiten.
Am 4. Juni 1944 erhielt Oberstleutnant (01.01.44) Priller Befehl, sein
gesamtes Geschwader wegen andauernder britischer Jagdbomberangriffe weit
ins sichere Hinterland zu verlegen. Priller, mit der Verlegung gar nicht
einverstanden, wollte seinen Staffeln nach zwei Tagen folgen.
Als starke alliierte Bodentruppen unter dem Schutz von über 12.000
Jägern und Bombern am 6. Juni in der Normandie landeten, erhielt Priller
in aller Frühe einen aufgeregten Anruf von der für die Normandie
zuständigen Jagddivision in Paris - auf die Frage, wie viele Maschinen
er denn zur Verfügung hätte, antwortete Priller kühl: "Zwei
Fw 190 - ich und mein Rottenflieger! Der Rest ist ja gerade erst verlegt
worden!" Dem Anrufer verschlug es die Sprache - nur zwei Maschinen?! "Ich
werde fliegen, ... ja auch mit nur zwei Maschinen, sagen Sie das dem General!",
unterbrach Priller die Stille und knallte den Hörer auf. Priller und
der als sein Rottenflieger zurückgebliebene Unteroffizier
Wodarczyk
flogen! Die beiden Focke-Wulf Fw 190 starteten gegen acht Uhr und
nahmen Kurs auf die Normandie, der Kommodore machte sich über die
Überlebenschancen sicherlich keine Illusionen.
Bereits weit vor dem Einsatzgebiet trafen die beiden auf riesige Pulks
amerikanischer "Mustang"-Jäger. Diese rechneten aber wohl mit wilden
deutschen Angriffen und flogen in großer Höhe - die beiden "Abbeville-Boys"
flogen hingegen sehr tief. Je weiter sich Priller dem Strand näherte,
desto mehr feindliche Jäger tauchten auf. Hunderte "Thunderbolt",
"Mustang" und Spitfire waren im Einsatz. Doch keiner schien die zwei tieffliegenden,
unauffälligen Deutschen zu bemerken.
Schließlich tauchte die Küste der Normandie auf - Priller
und
Wodarczyk schwenkten auf den Strand ein,
wo Hunderte Landungsboote unzählige britische und amerikanische Soldaten
an Land setzten. Die zwei deutschen Maschinen erschienen zwischen der zweiten
und dritten Landungswelle über dem Strand des britischen, hart umkämpften
Invasionsabschnittes "Sword".
Priller jagte in etwa nur 50 Metern Höhe über den Boden und
beharkte die Truppen mit seinen Bordwaffen. Wie durch ein Wunder waren
in diesen entscheidenden Minuten keine alliierten Jäger zur Stelle.
Als diese endlich eintrafen, waren Priller und sein Rottenflieger längst
wieder weg.
Erneut im Tiefstflug erreichte beide Maschinen wohlbehalten ihren Heimatstützpunkt.
Noch schweißgebadet, rief Priller unmittelbar darauf die Jagddivision
in Paris an und berichtete von seinen Beobachtungen.
Dies war sicherlich einer der verrücktesten Einsätze des
gesamten Krieges - er wurde im legendären und prominent besetzten
Kriegsfilm "Der längste Tag" stilgerecht verewigt.
In den folgenden Wochen flog Priller aufgrund der Pilotenknappheit
wieder vermehrt Fronteinsätze. Am 15. Juni 1944 erreichte der Oberstleutnant
als siebenter Jagdpilot der Westfront seinen 100. Luftsieg [82], wofür
er die 73. Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub erhielt. Im selben
Monat konnte Priller einem seiner besten Piloten, dem alten Haudegen und
erfolgreichen "Bomberkiller" Leutnant Adolf Glunz, nach 60 Siegen zum 508.
Eichenlaub gratulieren.
Aufgrund seiner Unersetzbarkeit wurde Priller nach 300 Einsätzen
nun mit einem strengen Feindflugverbot belegt, das er allerdings mehrmals
missachtete. Im Oktober schickte er seinen 101. und letzten Gegner in die
Tiefe - unter seinen Opfern befanden sich u.a. 68 Spitfire, 11 Hurricane,
2 P-51 "Mustang", 2 P-47 "Thunderbolt", 8 B-17 "Flying Fortress" und 3
B-24 "Liberator". Seine glänzenden flugtaktischen und führerischen
Fähigkeiten brachten ihm nach dem Krieg den ehrenvollen Titel "Mathematiker
der Lüfte" ein.
Am 1. Januar, am selben Tag erfolgte seine Beförderung zum Oberst,
führte Priller das gesamte Jagdgeschwader 26 im Zuge der Operation
"Bodenplatte" zum Jagdbomberangriff gegen amerikanische Flugfelder in Belgien.
Dies war einer der letzten Einsätze des Schwerterträgers.
Am 31. Januar 1945 wurde Oberst Priller zum Inspekteur der Jagdflieger
West unter dem General der Jagdflieger Brillantenträger Oberst Gollob
ernannt. Seine Ernennung überraschte, da er nur kurz zuvor an der
Seite von Günther Lützow, Hermann Graf, Hannes Trautloft [64]
und Johannes Steinhoff im Zuge der "Meuterei der Jagdflieger" massiv gegen
Göring aufgetreten war!
Ab Mai 1945 war Priller Kriegsgefangener der Westalliierten. Nach dem
Krieg engagierte sich der populäre und überall sehr beliebte
Priller in der "Gemeinschaft der ehemaligen Jagdflieger", trat jedoch nicht
wieder in die Bundesluftwaffe ein. Statt dessen war er als Geschäftsführer
einer bekannten Augsburger Brauerei erfolgreich.
Im Mai 1961 starb Priller im Alter von erst 45 Jahren überraschend
an einer schweren Herzattacke. Während der Beisetzung in Augsburg
flogen Düsenjäger der Bundesluftwaffe zur Ehrung über die
Menschenmenge.