| Im Jahre 1936 als Offiziersanwärter ins
Heer eingetreten und 1938 zur Luftwaffe versetzt, war Günther Rall
bei Kriegsbeginn Leutnant und Flugzeugführer in der II. Gruppe des
Jagdgeschwaders 52.
Während des Frankreichfeldzuges am 18. Mai 1940 erstmals im Luftkampf
erfolgreich, flog Rall auch während der Luftschlacht um England. Von
Calais aus tagtäglich als Bombereskorte eingesetzt, waren die Offiziersverluste
von Ralls Gruppe nach kurzer Zeit bereits so hoch, dass der erst 22jährige
Oberleutnant im Juli 1940 zum Führer der 8. Staffel ernannt wurde.
Nach der Aufgabe der Operation "Seelöwe" gegen das britische Festland
wurde das Geschwader aufgefrischt. Die 8. Staffel kam in Folge während
des Balkanfeldzuges und über Kreta zum Einsatz. Für mehrere Luftsiege
und erfolgreiche Bodenangriffe hatte Rall bereits das Eiserne Kreuz 1.
Klasse erhalten. Als der Krieg gegen die Sowjetunion begann, wurde Ralls
Staffel nicht an der Front, sondern im rumänischen Hinterland eingesetzt.
So konnten er uns seine Piloten mehrmals russische Bomberformationen abwehren,
die hastige Einsätze gegen die Erdölraffinieren in Ploesti versuchten.
Im August kehrte die Staffel zum restlichen Geschwader an die Front
zurück. Durch großartige Schießleistungen, sein sicheres
Auge und drahtseilstarke Nerven konnte Rall bereits im November seinen
30. bestätigten Abschuss melden, wofür er einen Ehrenpokal erhielt.
Zudem hatte er bereits über 50 erfolgreiche Tiefangriffe geflogen.
Im selben Monat erwischte es Rall während eines Luftkampfes jedoch
zum ersten Mal selber, als er den dummen Anfängerfehler beging, gebannt
den Absturz seines letzten Opfers zu beobachteten, anstatt weiterhin wachsam
zu bleiben.
Bei der Notlandung krachte seine Bf 109 so stark auf den Boden, dass
sie sich überschlug, wieder in die Luft geschleudert wurde und dann
antriebslos herunterfiel - Rall wurde mit schweren Verletzungen an beiden
Beinen und einem dreifach angebrochenen Rückrad in ein Lazarett gebracht.
Obwohl die Ärzte ihn retten konnten, machten sie dem jungen Piloten
keinerlei Hoffnung, je wieder in einem Cockpit zu sitzen.
Doch mit enormer Willenskraft, viel viel Glück und fachkundiger
Hilfe gelang es Günther Rall, nach neunmonatigem Lazarettaufenthalt
seine Rückversetzung an die Front zu realisieren. Wie das Kriegstagebuch
des JG 52 beweist, schoss er in den Wochen nach seiner "Wiederauferstehung"
täglich zwischen ein und drei Gegner ab. Und so erhielt Oberleutnant
Rall am 4. September 1942 für seinen 62. Luftsieg das begehrte Ritterkreuz
verliehen. Mit wilder Entschlusskraft und dem Ziel vor Augen, den Rückstand
aufzuholen, kletterte er mehrmals am Tag in seine Bf 109.
Bereits am 22. Oktober - nur drei Monate nach seiner Rückkehr
- meldete das Geschwader bereits seinen 100. Erfolg, der ihm als 46. Tagjäger
der Luftwaffe das Eichenlaub zum Ritterkreuz einbrachte. Um trotz seiner
Rückenschmerzen weiterfliegen zu können, ließ Rall sich
seinen Pilotensitz mit mehreren Polstern auskleiden.
Der lange Lazarettaufenthalt hatte Rall aber unerhofft auch einen positiven
Aspekt eingebracht, denn im Universitätskrankenhaus Wien hatte er
seine, hier als Ärztin tätige, spätere Ehefrau kennen gelernt.
Nach schweren Luftkampfeinsätzen im Kaukasus und über dem
Kuban-Brückenkopf erhielt Hauptmann Rall im April 1943 die Ernennung
zum Kommandeur der III. Gruppe. Etwa zur selben Zeit hatte er das Glück,
eine Notlandung unbeschadet überstanden zu haben, obwohl bei der Kollision
mit einer russischen Maschine ein Teil des Flugzeugrumpfes abgerissen worden
war.
Als der Gruppenkommandeur nach Hermann Graf und Hans Philipp als dritter
Jagdflieger der Welt seinen 200. Luftsieg errang, erhielt er die 34. Schwerter
zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und wurde im Wehrmachtsbericht genannt.
Nach dem berühmten Brillantenträger Graf und dessen Katschmarek
Leutnant Steinbatz war Rall bereits der dritte Schwerterträger des
erfolgreichen Jagdgeschwaders 52.
Im folgenden Monat befand sich Rall in absoluter Bestform - nicht weniger
als 40 Gegner fielen seinen Kanonen zum Opfer. Ende November 1943 konnte
sein 1. Wart den bereits 250. Abschussbalken an das Leitwerk seiner Messerschmitt
Bf 109 malen - wäre Rall knapp vier Wochen "schneller" gewesen, hätte
er diesen Rekord vor Walter Nowotny aufgestellt und wäre vielleicht
an dessen Stelle mit den Brillanten zum Ritterkreuz dekoriert worden.
Im Mai 1944 wurde Rall von der Ostfront abgezogen und zum Kommandeur
der II. Gruppe des Jagdgeschwaders 11 in Norddeutschland ernannt. Diese
Versetzung sollte seine Karriere entscheidend beeinflussen. Obwohl der
bisherige Kommodore des Geschwaders, Oberstleutnant Hermann Graf, kurz
zuvor schwer verwundet worden war, wurde Rall nicht sein Nachfolger - das
Oberkommando verwies auf seine noch fehlende Reichsfront-Erfahrung.
Rall flog mehrmals pro Woche schwierige und verlustreiche Einsätze
gegen die amerikanischen Tagbomberverbände und deren tödliche
Eskortjäger - Einsatzgebiet des Geschwaders war die "Straße
der Bomber" genannte Haupteinflugschneise der "Fliegenden Festungen". Kommandeur
der III. Gruppe war zu dieser Zeit Major Anton "Toni" Hackl.
Am 12. Mai 1944 führte der Schwerterträger seine Piloten
gegen einen großen Pulk amerikanischer Boeing B-17 "Flying Fortress"
mit starkem "Mustang"-Begleitschutz. Im folgenden Luftkampf konnte Rall
seinen 275. Luftsieg erzielen, ehe eine feindliche Kanonensalve seine Cockpitscheibe
durchschlug und ein Geschoss ihm den Daumen der linken Hand wegriss. Die
Fliegerbrille verhinderte glücklicherweise Splitterverletzungen an
den Augen.
Wie bei jedem Einsatz trug Rall auch an diesem Tag eine erbeutete lederne
US-Fliegerjacke. Als er mit dem Fallschirm auf einem Feld landete, wurde
er so von den dort arbeitenden Bauern für einen Amerikaner gehalten
und mit Mistgabeln bedroht, ehe sich alles aufklärte.
Durch diesen seinen 275. Abschuss war Günther Rall der bis dahin
erfolgreichste Jagdflieger des Krieges geworden - doch die Verwundung erforderte
eine längere Ruhepause.
Die Führung seiner Gruppe übernahm der erfahrene Eichenlaubträger
und spätere Generalleutnant der Bundesluftwaffe Walter Krupinski (197
Siege), welcher 1942/43 mit Rall und Erich Hartmann in Russland geflogen
war. Durch eine Infektion war Rall bis Mitte November 1944 nicht im Stande,
Einsätze zu fliegen. Diese und die schwere Verwundung in Russland
kosteten den hervorragenden Flieger und Kämpfer vielleicht den Spitzenplatz
unter den Jagdfliegern des Krieges. Denn in dieser Zeit machten die Ostjäger
Hartmann und Barkhorn enorm Boden gut und zogen schließlich an Günther
Rall vorbei.
Um die Rehabilitationsphase zu überbrücken, fungierte Rall
im Winter 1944 als Kommandeur der Jagd-Verbandsführerschule.
Nach seiner Genesung übernahm Major (01.05.44) Rall wieder seine
alte Gruppe, ehe er im März 1945 mit der Übernahme des Jagdgeschwaders
300 beauftragt wurde. Am Tag der Gesamtkapitulation ließ Rall alle
Maschinen sprengen und marschierte an der Spitze seiner Männer in
westalliierte Gefangenschaft.
In 621 Feindflügen hatte Major Rall 275 bestätigte Luftsiege
erzielt und war somit der dritterfolgreichste Jagdflieger des Krieges.
Ferner hatte er testweise viele erbeutete alliierte Jagdmaschinen geflogen.
1956 trat Rall als Major in die neue Bundesluftwaffe ein und wurde
als Ausbilder sowie Gruppenkommandeur eingesetzt. Anfang der Sechzigerjahre
als einer der ersten Piloten auf dem neuen Starfighter-Düsenjäger
ausgebildet, wurde Rall kurz darauf Kommodore des Jagdbombergeschwaders
34. Als Brigadegeneral schließlich Inspekteur aller fliegenden Verbände,
wechselte Rall als Generalmajor 1967 an die Spitze der 3. Luftwaffendivision
in Kalkar, ehe er 1969/70 Stabschef der 4. NATO-Luftflotte in Ramstein
wurde.
In Folge als Generalleutnant zum Inspekteur der Bundesluftwaffe berufen,
beendete Günther Rall seine steile Karriere 1975 als deutscher Vertreter
im höchsten Entscheidungsgremium der NATO in Brüssel.
Seitdem genießt der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes
mit Stern sowie des amerikanischen Legion of Merit den wohlverdienten Ruhestand.
Anmerkung des Autors:
Für seine Mitarbeit an dieser Biographie bin ich Hrn. Rall sehr
zu Dank verpflichtet. (Brief an den Autor; Dezember 1999) |