| Die Geschichte und Entwicklung der Sidewinder
Als kurz nach dem Krieg verschiedene Nationen begannen gelenkte Luft-Luft-Raketen
zu entwickeln, merkte man schnell, dass man ans Ende der damaligen technischen
Möglichkeiten kam, als man versuchte, Radarsysteme in Raketenrohre
einzubauen. Man denke nur an die damals nicht vorhandenen Transistoren.
Die Lösung dieses Problems kam von einem gewissen Dr. William B. McLean
von der Naval Ordnance Test Station (NOTS), der in seiner Garagenwerkstatt
Ende der 40er ein Gerät entwickelte, dass ein Flugzeug aufgrund der
Hitzestrahlung seiner Triebwerke erfassen konnte. Da die dafür benötigte
fotoelektrische Zelle recht klein war, war es nun möglich, das ganze
effektiv in eine Rakete einzubauen. Die ersten Systeme arbeiteten mit Bleisulfiden,
die nicht auf die Hitze der heißen Abgase reagierten, sondern auf
die heißen Metallteile am Flugzeug. Dieses Paket baute jener Wissenschaftler
in das Flugwerk einer Hochgeschwindigkeits-Artillerie Rakete (HVAR) ein
(Gewicht 70,3 kg, Durchmesser 12,7 cm), hinter jede Schwanzflosse packte
er noch einen so genannten Rolldämpfer, der die Waffe stabilisieren
sollte. Die nun geborene Rakete war auch die erste fire and forget Waffe.
Als 1953 die offiziellen Tests begannen, erhielt die Rakete den Namen AIM-9
und den Beinamen Sidewinder, der von der schlangenähnlich gewundenen
Flugbahn kommt. Vorteile der Waffe waren die Größe, der Preis,
die für die damalige Zeit hohe Zielgenauigkeit und Schadenswirkung
sowie die Tatsache, dass sie sich sehr leicht auch bei älteren Flugzeugtypen
nachrüsten ließ. Die R-13/AA-2 Atoll der Sowjetunion war übrigens
eine genaue Kopie.
Die Nachteile der Sidewinder wurden aber auch schnell deutlich: Zum
einen die sehr kurze Reichweite von 4,81 km und der Suchkopf konnte auch
nur auf den Gegner aufschalten, wenn die Maschine direkt hinter ihm flog.
Außerdem war sie sehr anfällig für Infrarot-Störmittel
und die Sonne. Als weiteres Problem kam die Technik hinzu. Die Zuverlässigkeit
wurde stark durch die verwendeten Vakuumröhren eingeschränkt,
die empfindlich auf die Landungen auf Flugzeugträgern und das feuchte
Klima in Südostasien reagierten. Im Laufe der Zeit entwickelten die
Teilstreitkräfte ihre eigenen Versionen der Rakete, da sie unterschiedliche
Anforderungen an die Sidewinder stellten. So wurden der Sucher, der Antrieb
und der Sprengkopf immer weiter verbessert. Die momentan verwendete Version
in den USA ist die AIM-9M, die an jedes Flugzeug montiert werden kann.
Ein Mechaniker nimmt einen Preflight Check an einer F-15E
vor. Die Strike Eagle ist mit einer
AIM-9P Sidewinder und einer lasergelenkten Paveway
Bombe ausgerüstet.
Aufbau
Die M-Version hat wie der Urvater immer noch einen Durchmesser von 12,7
cm, was technische Neuerungen schwierig macht. Sie ist 287 cm lang, hat
vorne eine Spannweite von 38,1cm und hinten von 62,9 cm. Das Gewicht beträgt
87,9 kg. Am Vorderteil befindet sich die WGU-4A/B Guidance Control Section
(GCS), die den Infrarotsucher beherbergt. Das Detektorelement besteht aus
einer Indium-Antimon-Verbindung, wird von einem Joule-Thompson-Kyrostat
System gekühlt und auf einem auslenkungsbegrenzten Kopf hinter einem
Sucherfenster aus Magnesiumflourid montiert. Der Sucher überträgt
die Daten an einen Signalrechner, der die Steuerbefehle für die vier
Entenflügel erzeugt. Das tolle am Sucher ist, dass er inzwischen in
der Lage ist, sowohl das infrarote Spektrum als auch das ultraviolette
abzutasten und somit eine tödliche Kombination ergibt. Vor dem Raketenmotor
befindet sich der WDU-17 Annular Blast Fragmentation (ABF) Gefechtskopf,
der ein Gewicht von 11,34 kg hat. Der Zünder löst nicht bei Kontakt
mit der Maschine aus, sondern kurz vor dem Ziel und gibt somit den Explosionsdruck
und die Splitter an die Feindmaschine ab. Der Zünder selbst besteht
aus einem Laserdetektor, der aus einem Ring mit vier Dioden besteht. Die
M-Version der USAF besitzt als Antrieb den Mk-36 Raketenmotor, der theoretisch
eine Reichweite von 20 km und eine Flugzeit von circa einer Minute besitzt.
Die Höchstgeschwindigkeit beträgt dabei Mach 2,5.
Der Kopf einer AIM-9L mit Infrarotsucher, Rechner und
den Servos der Entenflügel
Der Infrarotsucher mit Sucherfenster sowie dem dahinter liegenden Detektorelement im Detail

Versionen
Ü AIM-9,
AIM-9A und AIM-9B
Die ersten drei Versionen der Sidewinder waren sich alle recht ähnlich.
Der Infrarotsensor war nicht gekühlt, das Sucherfenster bestand aus
Silizium. Aufgrund der primitiven Elektronik (Vakuumröhren), des ungekühlten
Suchers und der langsamen Datenverarbeitung konnte die Rakete nur direkt
auf das Triebwerk des gegnerischen Flugzeugs aufgeschaltet werden und war
nicht in der Lage, etwaige Ausweichmanöver nachzuvollziehen. Der Thiokol
Mk.17 Festbrennstoffmotor lieferte Schub für ca. 2,2 Sekunden. Die
AIM-9B FGW 2 war eine deutsche Weiterentwicklung mit verbessertem, gekühltem
Sucher.
Ü AIM-9
C
Im Gegensatz zum Rest der Familie, befand sich in der Spitze der C-Version
ein halbaktiver Radarsucher. Sie wurde für die F-8 Crusader entwickelt,
da für dieses Flugzeug eine Allwetterrakete benötigt wurde. Ob
diese Version auch eingesetzt wurde, ist nicht bekannt und so verschwand
sie wieder in den Magazinen, bis das USMC Mitte der 80er eine leichte Antiradar
Rakete für SEAD und Wild Weasel Einsätze benötigte. Aus
einer umgebauten AIM-9C entstand somit die AGM-122A Sidearm. Der Sucher
wurde modifiziert, um ein größeres Frequenzspektrum abzudecken,
die Elektronik aktualisiert, der Gefechtskopf und der Antrieb wurden beibehalten.
Ursprünglich für die A-4 und AV-8 konzipiert, wird die störanfällige
und im Vergleich zur HARM und ALARM veraltete Rakete, für Hubschrauber
eingesetzt.
Ü AIM-9D
In der D-Version wurde nun auch ein gekühlter Sucher eingebaut,
der Antrieb verstärkt und das Sucherfenster aus Magnesiumflourid gefertigt,
welches auch längerwellige Strahlen passieren lässt und so dem
Sucher ermöglicht, auch kältere Stellen zu erfassen. Beim Auslöser
hat man nun die Wahl zwischen einem IR-Annäherungszünder und
einem funkgesteuerten Zünder.
Ü AIM-9E/E-2
Dieses Muster ist vergleichbar mit der D-Version, wurde aber von der
Air Force entwickelt und eingesetzt. Die Kühlung des Suchers erfolgt
durch ein Peltier Element. Die Nase selbst ist, im Vergleich zur AIM-9D,
langgezogen. Die E-2 erhielt einen neuen rauchreduzierten Antrieb.
Ü AIM-9G/H
Mit dem SEAM (Sidewinder Extended Acquisition Mode) wurde zum wiederholten
Male der Sucher verbessert. Nun war es möglich, der Rakete über
das Bordradar ein Ziel zuzuweisen (Slavemodus), auf das sich der Sucher
dann aufschaltet oder den Bereich vor dem Flugzeug in einem bestimmten
Muster abzusuchen. Da es aber zunehmend Probleme mit den Vakuumröhren
gab, vor allem bei hohen Sinkgeschwindigkeiten, wurde mit dem H Modell
der Wandel zum Transistor vollzogen.
Ü AIM-9J/J-1/J-2/J-3/N
Die J-Versionen sind das Air Force Äquivalent zu den G und H Modellen
der Navy. Auch hier wurde der Sucher aufgerüstet. Später wurde
die J-1 Variante in N umbenannt.
Ü AIM-9L/M
Mit der Einführung der L-Version war die Sidewinder endlich in
der Lage, ihre Ziele von allen Seiten zu bekämpfen. Der Pilot war
nun nicht mehr gezwungen, sich an das Heck der Feindmaschine zu setzen,
um eine Zielaufschaltung zu erreichen. Der Zünder besteht aus einem
Ring mit vier Laser-LED's, die den neuen Splittergefechtskopf kurz vor
dem Ziel auslösen. Abgelöst wurde sie von der Mike-Version. Hier
wurde nochmals der Antrieb verbessert und der Rauchausstoß vermindert,
um die optische Ortung zu erschweren. Die Anfälligkeit gegen IR-Störmittel
wurde ebenfalls gesenkt.
Ü AIM-9P
Dieser Abkömmling der J Versionen wurde speziell für den
Export entwickelt. Er erhielt einen verbesserten Antrieb und einige Verbesserungen
der AIM-9L. Die Air Force beschaffte ebenfalls große Stückzahlen
der P-Version, da sie billiger als die AIM-9J ist und somit gegen Ziele
mit niedriger Priorität eingesetzt wird.
Ü AIM-9Q
M-Version mit verbesserter Steuerung und Datenverarbeitung
Ü AIM-9R
Hier sollte die M-Variante mit einem verbesserten Sucher (höhere
Reichweite), bessere Manövrierbarkeit, höhere Widerstandsfähigkeit
gegen IR-Störmaßnahmen und einer modernen Elektronik und Datenverarbeitung
aufgerüstet werden. Nachdem die Air Force aus dem Modernisierungsprogramm
ausstieg und die Navy die Kosten nicht allein tragen konnte, wurde das
Programm Ende 1991 trotz viel versprechender Tests eingestellt.
Ü AIM-9X
Dies ist die neuste Version der Sidewinder. Einige Daten sind noch
geheim, andere sind oft widersprüchlich. Vermutlich wird es sich hier
um eine nochmals verbesserte M-Version handeln, die höchst wahrscheinlich
keine Canards mehr besitzt (vgl. AIM-132 ASRAAM oder MIM-104 Patriot).
Sie wird Manöver mit bis zu 50 g fliegen können und erhält
ein EEPROM (Electrically Erasable Programmable Read-Only Memory), sowie
einen digitalen Autopiloten. Durch den Wegfall der Entenflügel und
den verkleinerten Steuerflächen benötigt die X-Version nur noch
ein Drittel des Platzes der Vorgänger. Somit können in den internen
Waffenschächten der F-22 Raptor oder der F-35 mehr Raketen mitgeführt
werden. Man kann davon ausgehen, dass der 9X auch Ziele per Helmzielgerät
zugewiesen werden können und diese auch außerhalb der Fluglinie
des Flugzeugs, bekämpft werden.
Ein Transportgestell mit AIM-9M Sidewinder und AIM-120
AMRAAM
| Bezeichnung des Flugkörpers: |
AIM-9 Sidewinder |
| Typ: |
IR gelenkter Luft-Luft Flugkörper |
| Hersteller: |
Raytheon, Ford, Motorola |
| Stückpreis: |
ca. 84,000 $ |
| Indienststellung: |
1956 |
| Antrieb: |
Feststoffraketenmotor |
| Schub: |
classified |
| Höchstgeschwindigkeit: |
Mach 2.5 |
| Reichweite: |
16 bis 29 km (10 bis 18 Meilen; je nach Version) |
| Gewicht: |
87,9 kg (M-Version) |
| Länge: |
2,87 m (M-Version) |
| Durchmesser: |
12,7 cm |
| Spannweite: |
vorne 38,1cm,
hinten 62,9cm |
| Gewicht des Sprengkopfs: |
11,34 kg (M-Version) |
| Zielsuchsystem: |
Infrarotsucher (WGU-4A/B Guidance Control Section) |
| Zünder: |
lasergestützter Näherungszünder |
| Produktionszahlen: |
| B |
80.900
|
| B FGW 2 |
15.000
|
| C |
1.000
|
| D |
1.000
|
| E |
5.000
|
| G |
2.120
|
| H |
7.720
|
| J |
10.000
|
| L |
16.000
|
| M |
7.000
|
| N |
23.000
|
| P |
?
|
| R |
?
|
|
Die Rolldämpfer an den Heckflossen
Das Magnesiumflouridfenster, hinter dem sich der gekühlte
IR-Sucher befindet
Weiterführende Links
Ü
The Sidewinder Story auf http://www.sci.fi/~fta/aim9.html
Ü
AIM-9 auf www.airtoairmissiles.net
Pictures by US Air Force and US
Navy, wenn nicht anders gekennzeichnet. |