
| Im Zuge der Vorbereitungen zur „Operation Seelöwe“,
der geplanten Invasion des britischen Festlands, suchte das OKW nach Transportmöglichkeiten
für die Invasionsflotte. Diese Invasionsflotte ausschliesslich auf
dem Seeweg über den Kanal zu schicken, erschien den planenden Offizieren
allerdings als eine fast unlösbare Aufgabe. Die Grundbedingung für
eine erfolgreiche Landungsoperation waren gesicherte Brückenköpfe
im Landungsbereich, um die Verluste durch gegnerische Artillerie und Infanterie
so gering als möglich zu halten. Aus den Erfahrungen bei der Erstürmung
des belgischen Speerforts Eben-Emael am 10. Mai 1940, das von deutschen
Fallschirmjägern eingenommen worden war, zogen das OKW und das RLM
folgende Schlüsse: Eben-Emael war von 41 Transportmaschinen des Typs
Junkers Ju 52/3m und angehängten 10-sitzigen Lastenseglern DFS 230
genommen worden. Die DFS 230 waren lautlos auf dem Fort und in der Nähe
der drei anzugreifenden Maas-Brücken gelandet, ihre neun Mann Besatzung
hatten dann mit Pioniersprengmitteln und Handfeuerwaffen die vollkommen
überraschten Verteidiger innerhalb weniger Stunden überwältigt.
Dieser Handstreich sicherte den erfolgreichen Ausgang des Westfeldzuges.
Für eine Grossoperation wie die Landung in England war aber keineswegs
die benötigte Anzahl Lastensegler aufzutreiben. Der Lastensegler ist
als Verbrauchswaffe gedacht. Nach der Gefechtslandung ist an eine zeitnahe
Wiederverwendung nicht zu denken. Zudem benötigen die DFS 230 jeweils
eine Schleppmaschine Junkers Ju 52/3m (optional: jeweils eine Junkers Ju
87, Henschel Hs 126, Heinkel He 111 oder eine Messerschmitt Bf 110), sie
binden also gewaltige Transportverbände. Die geringe Zuladung von
neun Soldaten ist für ein Kommandounternehmen ideal, nicht aber für
die Invasion eines ganzen Küstenabschnitts.
Für die „Operation Seelöwe“ stellte das RLM im sogenannten „Unternehmen Warschau“ einen Forderungskatalog auf, der den Bedarf an geeigneten Lastenseglern befriedigen sollte. Die Fertigung des Lastenseglers sollte soweit als möglich aus Holz und einem Stahlrohr-Skelett mit Stoffbespannung erfolgen, um kriegswichtige Materialien zu schonen und der Verwendung als Verbrauchswaffe gerecht zu werden. Die Zuladung sollte die folgenden vier Lasten ermöglichen: 1. 130 voll bewaffnete und aufmunitionierte Soldaten mit Handfeuerwaffen, 2. eine 8,8 cm Kanone mit schwerem Halbkettenfahrzeug „Famo“, Munition und Bedienungspersonal, 3. ein Panzerkampfwagen II, III oder IV, Munition und Bedienungspersonal, 4. ein Sturmgeschütz, Munition und Bedienungspersonal. Das entspricht einem Zuladevolumen von rund 22 Tonnen, das bei Überlast auf 27 Tonnen gesteigert werden konnte. Nachdem Mitte Oktober 1940 die „Operation Seelöwe“ verschoben wurde, erteilte das RLM an Junkers und Messerschmitt den Auftrag, bis zum 1. November 1940 entsprechende Entwürfe vorzustellen und – im Falle einer Auftragsvergabe – zeitnah 100 Serienmaschinen produzieren zu können. Während bei Junkers das „Sonderkommando Merseburg“ am Entwurf der Junkers Ju 322 „Mammut“ arbeitet, projektierte das „Sonderkommando Leipheim“ bei Messerschmitt die Messerschmitt Me 321 „Gigant“. Nachdem der leitende Konstrukteur Fröhlich Anfang November seine Pläne zur „Gigant“ dem RLM vorgestellt hatte, begannen seine 20 Mitarbeiter und er am 6. November 1940 mit den Arbeiten an einem V-Muster. Diese Maschine, die Me 321 V-1, absolvierte am 21. Februar 1941 ihren Erstflug, geschleppt von einer viermotorigen Junkers Ju 90. Als Nutzlast hatte man vier Tonnen Ziegelsteine eingeladen. Am Tag ihres Erstfluges standen in Leipheim bereits elf, fast fertige Me 321 in den Hallen. Die vorbereitenden Arbeiten für 62 weitere Maschinen hatten gerade begonnen.
Technisch war die Me 321 „Gigant“ als abgestrebter
Schulterdecker konzipiert, dessen weitspannendes Mittelflügelstück
durch je einen I-Stiel zu den Rumpfuntergurten abgefangen wurde. Die Tragflächenholme
bestanden aus einem verschweissten viereckigen Stahlrohrfachwerk; die Rippen,
Endleisten, Mittelflügel und Aussenleiste aus Sperrholz. Ähnlich
dem verschweissten Stahlrohrrumpf mit Holzformern, wurden alle Flächen
mit Stoff bespannt. Die gesamte Flügelhinterkante war als Steuerklappe
ausgebildet. Diese Klappen waren im Mittelflügel als vierteilige Landeklappe,
in den Aussenflügeln als jeweils zweiteilige Querruder ausgelegt.
Die Querruder wiesen kombinierte Servo-Trimmklappen auf. Trotz dieser elektrisch
angetriebenen Trimmklappen waren die Steuerdrücke enorm hoch und führten
schliesslich zu einem Doppelführerstand. Die fliegerischen Qualitäten
des V-Musters waren ausgezeichnet, sieht man von den gefährlich hohen
Steuerkräften ab. Das Leergewicht von 12 Tonnen und die hohe Zuladung
überzeugten das RLM, so dass nach dem Scheitern des Junkers Ju 322
„Mammut“-Projekts ein erstes Baulos an Messerschmitt Me 321 A „Gigant“
geordert wurde.
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